Potsdamer Platz Berlin in alten Ansichten

Potsdamer Platz Berlin in alten Ansichten

Kleine Zeitreise zurück in die Hotel-Vergangenheit

Hotel Fürstenhof am Potsdamer Platz (Postkarten-Skan von Hermann Syzygos)

Hotel Fürstenhof am Potsdamer Platz (Postkarten-Skan von Hermann Syzygos)

Grand-Hotel Bellevue am Potsdamer Platz, 1903

Grand-Hotel Bellevue am Potsdamer Platz, 1903

Der zweite Weltkrieg hat das Berliner Stadtbild grundlegend verändert. Bis dahin war der Potsdamer Platz mit seinen unzähligen Straßenbahn- und Omnibuslinien einer der verkehrsreichsten Plätze Europas. Das war einmal, auch wenn der Verkehr heute durchaus beachtlich ist. Solch ein Verkehr bedurfte der Regelung. So ist es nicht verwunderlich, dass hier eine der ersten Lichtzeichenanlagen Europas stand. Damals war dieser Platz ein Herzstück des politischen, sozialen und kulturellen Lebens in Berlin. Daran wird er nur schwer wieder anknüpfen können.

Nicht immer lag der Platz in der Stadt. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts lag er direkt vor der Stadtmauer am Potsdamer Tor. Als gewaltige fünfarmige Straßenkreuzung wirkte er als Verkehrsverteiler für alle Straßen, die auf das Tor zuliefen.

Blick vom Potsdamer Platz in die Stresemannstraße mit der Ruine des Hotels Fürstenhof (links), 1952 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-14409-0007 / CC-BY-SA)

Blick vom Potsdamer Platz in die Stresemannstraße mit der Ruine des Hotels Fürstenhof (links), 1952 (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-14409-0007 / CC-BY-SA)

Das Hotel Bellevue am Potsdamer Platz in Berlin wird abgerissen, um einem großen Warenhaus-Neubau Platz zu machen! Unser Bild zeigt den Abriss des bekannten Hotels Bellevue am Potsdamer Platz. September 1928 (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-06532 / CC-BY-SA)

Das Hotel Bellevue am Potsdamer Platz in Berlin wird abgerissen, um einem großen Warenhaus-Neubau Platz zu machen! Unser Bild zeigt den Abriss des bekannten Hotels Bellevue am Potsdamer Platz. September 1928 (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-06532 / CC-BY-SA)

Große Hotels prägten lange das Bild der großen Kreuzung. Die Nummer 1 unter den Hotels, bis zum Endes des 19. Jahrhunderts war zweifelsohne das Hotel Bellevue, das erste Grandhotel am Platz. Direkt gegenüber lagen das Palasthotel und das Luxushotel Fürstenhof. Heute ist die Stelle, auf der einst das Hotel Bellevue stand, unbebaut. Unmittelbar dahinter steht das am 10. Januar 2004 eingeweihte Beisheim Center.

5. Internationaler Kissenschlacht-Tag am Brandenburger Tor 2012 in Berlin

5. Internationaler Kissenschlacht-Tag am Brandenburger Tor 2012 in Berlin

Beim fedrigen Vergnügen am International Pillow Fight Day flogen friedlich die Fetzen

5. Internationaler Kissenschlacht-Tag am Brandenburger Tor 2012 (Foto: Ralf Salecker)

5. Internationaler Kissenschlacht-Tag am Brandenburger Tor 2012 (Foto: Ralf Salecker)

Wir schreiben Samstag, der 7. April 2012. Etwa 250 bis 300 junge Menschen haben sich gegen 15:00 Uhr vor dem Berliner Brandenburger Tor zum sog. „Pillow Fight Day“ versammelt. Auch wenn die Aktion gerne noch als spontaner Flshmob bezeichnet wird, ist sie längst darüber hinaus gewachsen. Ein paar Tausend hatten ihr Kommen über Facebook angekündigt, doch wie fast immer in solchen Fällen, setzen nur wenige ihre Ankündigung in die Tat um. Hier gilt wohl der olympische Gedanke, dabei sein bei den Zusagern, ist alles.
😉

2008 hat der inzwischen weltweit durchgeführte Internationale Kissenschlachttag seinen Anfang genommen. Inzwischen sind etwa 150 Städte weltweit bei diesem friedlichen Kräftemessen dabei. Manch einer nimmt es als Frustabbau, andere dagegen möchten einfach nur ihren Spaß haben. Den hatten sie alle ganz offensichtlich. Niemand kam bei der großen Kissenschlacht in Berlin zu Schaden. Die Polizei stand am Pariser Platz bereit, falls die Veranstaltung aus dem Ruder laufen sollte. Offensichtlich genossen auch sie das ungewöhnliche Treiben, welches nah etwa einer halben Stunden von ihnen langsam, freundlich aber bestimmt beendet wurde. Am Schluss fegte die Stadtreinigung die Federn zusammen. Der Paltz sah aus, als wenn hier die moderne Version von rau Holle gedreht wurde.

Die Kissenschlacht verlief nach festen Regeln

Unbewaffnete dürfen nicht angegriffen werden. Wer also kein Kissen in der Hand hält ist tabu. Gleiches gilt für Brillenträger und Leute mit einer Kamera. 100-Prozentig hat es nicht funktioniert. Im Regelfall geschah dies aber im Eifer des Gefechtes. Eine Entschuldigung gab´s zum Treffer mit dem Kissen dazu.
Als weitere wichtige Regel gilt das gemeinsame Aufräumen nach der Schlacht. Diese Regel schien den meisten aber nicht bewusst oder egal zu sein. Der Pariser Platz ließ sich aber gut mit den Kehrmaschinen der Berliner Stadtreinung auf Vordermann bringen.
Meist dauert das Vergnügen rund eine halbe Stunde. Danach gibt es auch kaum mehr intakte Kissen.
Eine öffentliche Grünanlage ist für einen solchen Spaß denkbar ungeeignet. Die Unmengen an Federn sind nur sehr schwer zu entfernen, vor allem, wenn sie feucht werden.

Das Motiv dieser Kissenschlacht ist der Kampf um den öffentlichen Raum

Manch einer schüttelt über diese Veranstaltung entrüstet den Kopf. Schließlich entsteht eine Menge „Dreck“, der auf Kosten der Steuerzahler beseitigt werden muss. Auch wenn der Spaß eindeutig im Vordergrund steht, hat der „International Pillow Fight Day“ schon einen tieferen Sinn.
Der schleichende Verlust an öffentlichem Raum wird von vielen als sehr problematisch empfunden. In einer öffentlichen und spektakulären Aktion soll er wieder zurück erobert werden. Ob dieser Umstand den meisten teilnehmern bewusst ist, sei dahin gestellt.
So formulieren es die Initiatoren (Quelle: www.pillowfightday.com/about) folgendermaßen:

One of our goals is to make these unique happenings in public space become a significant part of popular culture, partially replacing passive, non-social consumption experiences like watching television, and consciously celebrating public spaces in our cities as our “urban living rooms.” The result, we hope, will be a global community of participants in a world where people are constantly organizing and attending these happenings in every major city in the world.
This project, Pillow Fight Day 2012, is a collaboration of many people who comprise a loose, decentralized network of urban playground event organizers all over the world.

Ralf Salecker

Nun noch eine kleine Bilder-Galerie der Kissenschlacht am Brandenburger Tor

Berlin zum Abreißen – Foto-Kalender über die Hauptstadt

Berlin zum Abreißen – Foto-Kalender über die Hauptstadt

Der Tagesspiegel berichtet über Berlin-Kalender

In Berlin und über Berlin gibt es eine Vielzahl von Foto-Kalendern. Neben den üblichen, ausschließlich für Touristen erstellte Kalender, die sich den großen bekannten Sehenswürdigkeiten widmen, versuchen andere Kalender, die Facetten der Stadt zu zeigen.

Der Tagesspiegel in seiner Ausgabe vom 10. Dezember entdeckt einige Perlen, die sich vom üblichen Einerlei abheben.Dabei durften „Unterwegs in Berlin 2011“ und „Unterwegs in Spandau 2011“ nicht fehlen!

Hier ein Auszug aus dem Tagesspiegel-Artikel zum Thema Berlin-Kalender:

Wer genug von Touristenmotiven hat, kann mit Fotograf Ralf Salecker und Autor Peter Siebke die Bezirke auf der Suche nach deren Kleinoden durchstreifen. Dabei verbinden sie den Kalender mit dem Reiseführer und liefern zu den Motiven interessante Geschichten. In „Unterwegs in Spandau“ etwa zum Schulgelände der Gartenstadt Staaken und der – jenseits Spandaus gelegenen – Sacrower Heilandskirche. „Unterwegs in Berlin“ führt jeden Monat in einen anderen Bezirk, von der Brücke auf die Treptower Insel der Jugend bis zum Tegeler Fließ (11,90 Euro, 30 x 21 cm, www.unterwegs-in-berlin.de).

Falsche Viruswarnung – Hoax – Dringende Warnung vor Virus in Mails betr. „Einladung“

Falsche Viruswarnung – Hoax – Dringende Warnung vor Virus in Mails betr. „Einladung“

Die Verschmutzung des Internets geht weiter – viele machen mit

Gerade trudelte eine Mail einer besorgten Bekannten ein. In dramatischen Worten wird dort vor dem gefährlichsten Virus gewarnt, den der Sender CNN jemals ankündigen musste.

Alleine die Wortwahl sollte schon alle Alarmglocken klingeln lassen!

Mit dieser Mail werden alle aufgefordert, diese Warnung schnellstens an alle Freunde und Bekannte weiterzuleiten. Schließlich könne dieser Virus, der eine Olympia Fackel am Bildschirm erscheinen lasse, in kürzester Zeit die Festplatte zerstören.

Keine vernünftige Warnung vor einem Problem wird jemals Panik verbreiten. Wer der Aufforderung Folge leistet, wird dann selbst zum Internet-Verschmutzer. Was Viren und Trojaner manchmal mögen, nämlich die Aussendung von Massenmails zu initiieren, klappt hier hervorragend, wenn der Leser nur naiv genug ist.

Diese Warnung ist nichts anderes als ein HOAX:

Als Hoax (engl. für Jux, Scherz, Schabernack; auch Schwindel) wird heute meist eine Falschmeldung bezeichnet, die per E-Mail, Instant Messenger oder auf anderen Wegen (z. B. SMS und MMS) verbreitet, von vielen für wahr gehalten und daher an Freunde, Kollegen, Verwandte und andere Personen weitergeleitet wird.

Schon 2007 wurde schon vor diesem schlechten Scherz gewarnt. Heute schwappt er wieder einmal durch das Netz.

Im Zweifel ein wenig die Suchmaschine bemühen. Einfach ein paar Stichworte aus der Warnung (in diesem Falle „Olympia Fackel“ oder „Einladung“) eingeben.  Die spucken schnell eine Antwort aus.

Bitte solche Warnungen in Zukunft nicht weiterleiten. Den Absender vielmehr darüber aufklären.

Hier wird die Hilfsbereitschaft nur schamlos ausgenutzt.

Bitte! Erst überlegen, dann handeln…

Hier noch einmal der fragwürde Text, als abschreckendes Beispiel:

Subject: Dringende Warnung !!!!!!!

Bitte lesen!! Da könnte etwas dran sein…

… wurde heute auch schon in DRS3 – durchgesagt! Bitte verteile diesen Hinweis an Deine Freunde, Familienangehörige und weitere Kontaktpersonen! In den kommenden Tagen solltest Du aufmerksam sein und keine eMail öffnen mit dem Betreff oder Anhang: Einladung, unabhängig davon wer sie Dir
geschickt hat.

Es handelt sich um ein Virus, das eine Olympia-Fackel öffnet, die die gesamte PC-Festplatte zerstört. Dieses Virus kann Dir von einem Bekannten gesendet werden, in dessen Adressbuch Du stehst.

Darum solltest Du diese Information an alle Deine Kontakt-Adressen weiterleiten.

Diese Nachricht eventuell 25 Mal zu bekommen, sollte man bevorzugen, anstatt einmal eine solche Virus-eMail zu erhalten und sie zu öffnen. Wenn dennoch eine eMail mit dem Betreff Einladung bei Dir eintreffen sollte und sei es von einem Freund -,öffne sie nicht und schalte Deinen Computer sofort aus!

Es handelt sich Um das gefährlichste Virus, das je durch CNN angekündigt wurde.

Dieses neue Virus ist gerade – gestern Nachmittag – durch Mc Afee entdeckt worden und von Microsoft als das zerstörerischste, das es je gegeben hat, eingestuft worden. Und noch gibt es keine Möglichkeit, diese Virusart zu eliminieren. Sie zerstört einfach die Zone Zero (Zentrum) der Festplatte, wo die lebenswichtigen Informationen abgespeichert sind. Schick bitte diese eMail an alle, die Du kennst!

Denk daran: wenn Du sie ihnen sendest, ist das für uns alle von Vorteil

ProReli verliert prominente Unterstützung

Desiré Nick kehrt ProReli den Rücken

 In Berlin gibt es anscheinend nur noch wenige bedeutsame Straßen, in denen nicht für die Vorstellung von ProReli geworben wird.

Der werbliche Auftritt ist deutlich professioneller als der ihrer "Gegner". ProReli zeigt ein durchgehendes Erscheinungsbild mit einem klaren Auftritt. Wenige kurze Schlagworte sollen den vorbeifahrenden Autofahrern die Bedeutung ins Bewusstsein "hämmern".

Die kleinen Plakate der Ethik-Befürworter wirken dagegen wie beliebige Farbkleckse. Erst auf den großen Plakaten kommt deren Aussage zum Tragen.

ProReli hat einen erheblichen zeitlichen Vorsprung was die die Plakatierung in Berlins Straßen angeht. Von Anfang an haben sie Prominente als wirkungsvolle Multiplikatoren und Meinungsbildner eingesetzt.

Eine Prominente aus dem ProReli-Unterstützerlager hat jetzt die Position verändert. Desiré Nick fühlt sich anscheinend von ProReli getäuscht. "Die haben bei mir angeklopft mit dem Argument, Religionsunterricht solle abgeschafft werden in Berlin".  Dieser Vorstellung sind viele in Berlin erlegen. Inzwischen keimt die Erkenntnis, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist…

„Ich habe mich von Pro Reli abgewandt, nachdem ich erlebt habe, wie die Katholiken intolerant und fanatisch anderen Gläubigen gegenüber ihren Kreuzzug führen“, so Desiré Nick, die selbst drei Jahre lang als Religionslehrerin gearbeitet hat. "Wenn Teile der katholischen Kirche den Ethikunterricht nicht ertragen können, frage ich mich: wo bleibt die christliche Nächstenliebe? Die Fundamentalkatholiken, die sich da jetzt aufspielen, kommen alle nicht aus Berlin, was immer Diaspora war und brauchen dringend Nachhilfe in Ethik!“


 

Berlin – Ein Volksentscheid geht in den Endspurt

Berlin – Ein Volksentscheid geht in den Endspurt




ProReli oder Ethik – Die Entscheidung

Ethik, ein Schulfach in der Kritik

Im Berliner Schulgesetz vom 26.6.1948 ist der Religionsunterricht als freiwilliges Unterrichtsangebot festgeschrieben. Damit weicht Berlin neben Bremen und Brandenburg von Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes ab, nach dem Religion ein ordentliches Schulfach ist. Gestützt wird dies durch die sog. Bremer Klausel (Art. 141 GG).

Zum Schuljahr 2006/07 wurde in Berlin zusätzlich ab der Sekundarstufe I Ethik als ordentliches Unterrichtsfach eingeführt.

Religion ist weiterhin – wie nun schon 60 Jahre lang – ein freiwilliges Unterrichtsfach bei dem die Leistungen nicht in die Gesamtnote eingehen.

2006 versuchten Eltern per Gerichtsbeschluss die Freistellung ihrer Tochter vom Schulfach Ethik zu erwirken, weil sie darin eine atheistisch geprägte Beeinflussung ihres Kindes sahen. Sie wollten eine dauerhafte Abmeldemöglichkeit erreichen, wie sie bei normalen staatlichen Fächern nicht möglich ist. Als dieses Ansinnen abgewiesen wurden, reichten sie eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte die Annahme der Verfassungsbeschwerde ab, da der gemeinsame Ethikunterricht die Rechte der Eltern und der Schülerin nicht verletzt.

Ausführlich beschrieb das Bundesverfassungsgericht die Position des Landes Berlin zu diesem Thema. Es würdigte die Entscheidung für ein Schulfach Ethik als wegweisend für die Integration von Minderheiten.

Die Offenheit für eine Vielfalt von Meinungen und Auffassungen ist konstitutive Voraussetzung einer öffentlichen Schule in einem freiheitlich-demokratisch ausgestalteten Gemeinwesen. Sucht der Landesgesetzgeber im Wege der praktischen Konkordanz einen schonenden Ausgleich zwischen den Rechten der Schüler und Eltern aus Art. 4 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 2 GG sowie dem Erziehungsauftrag des Staates aus Art. 7 Abs. 1 GG […], so darf er dabei auch der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten „Parallelgesellschaften“ entgegenwirken und sich um die Integration von Minderheiten bemühen.

Der Ethikunterricht in seiner konkreten Ausgestaltung zielt […] auf die Ausbildung einer dialogischen Gesprächskultur, in der Konsens angestrebt und Dissens akzeptiert und ausgehalten wird […]. Dabei erfahren die Gesichtspunkte des Perspektivenwechsels, der unterschiedlichen Erfahrungswelten und der Empathie besondere Betonung […].“

Von einem Konflikt des „Sonderweges“ in Berlin mit dem Grundgesetz kann also keine Rede sein. Dies wäre mit Sicherheit vom Bundesverfassungsgericht bemängelt worden.

Initiative ProReli

Die Initiative ProReli fordert ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion. Sollte die Initiative ProReli erfolgreich sein, kann entweder nur Religion, oder nur Ethik als Unterrichtsfach belegt werden.

Der Wahlkampf für das Volksbegehren wurde mit sehr populistischen Mitteln geführt, in der Fortsetzung für den Volksentscheid sieht es nicht anders aus. Man unterstellt den Gegnern von ProReli grundsätzlich eine antireligiöse Haltung. ProReli suggeriert in ihrer Argumentation es gäbe keine echte Wahlmöglichkeit für das Fach Religion („Freie Wahl“), ja quasi ein scheinbares Verbot des Religionsunterrichts. Ein angeblicher Bruch des Grundgesetzes wird in den Raum gestellt. Berliner müssten nun endlich die gleichen Rechte haben, wie der Rest der Republik („Gleiche Freiheit für Berlin“).

Im Artikel 7 des Grundgesetzes steht folgendes:

  • Absatz 2 – Die Erziehungsberechtigten haben das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen.
  • Absatz 3 – „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. […].

Ferner wird den Ethik-Lehrern mangelnde Kompetenz und ein Hang zum Atheismus unterstellt. Durch die Einführung des Schulfach Ethik wären angeblich Heerscharen von Schülern dem Religionsunterricht ferngeblieben, da er zu immer ungünstigeren Zeiten seinen Platz im Lehrplan erhält. In der Summe wiegt aber eine Unterstellung besonders schwer – nichtreligiöse Menschen wären nicht in der Lage ethische Grundsätze zu haben oder zu entwickeln (es gibt „keine Werte ohne Gott“).

 

Religionsunterrichterricht an Berliner Schulen
Schülerzahlen 2005/2006 2006/2007 2007/2008 2008/2009
Gesamtschülerzahl 341.628  334.879 328.380 323.000
 

Religions- und Welt-

anschauungsunterricht

Gesamt

165.766 163.725 164.214 163115
 in Prozent 48,5 48,9 50,0 50,5
 Evangelische Kirche 94.349 90.550 88.367  
 Katholische Kirche 25.294 25.232 25.444  
 HVD 40.856 42.585 44.758  
 Jüdische Gemeinde 800 800 788  
 Islamische Föderation 4.300 4.320 4.471  
 Anatolische Aleviten 119 190 142  
 Buddhistische Ges.  48  48  69  
 Christengemeinschaft       175  

Sieht man sich die Zahlen an, dann ist die Zahl der Teilnehmer am Religionsunterricht eher konstant geblieben.

ProReli unterstellt den Lehrern im Ethikunterricht nicht nur atheistische Tendenzen, vielmehr wird die „Pflichtethik“ als staatlicher Zwang angesehen, um eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher Religionen und Kulturen zu erzwingen. Ein solcher Zwang, der ihrer Meinung nach eher Gleichmacherei sei, hätte nach ihrem dafürhalten noch nie funktioniert. Wieso aber soll drei Jahren Ethik-Unterricht für einen kleinen Teil der Schüler das gelingen, was 60 Jahren Religionsunterricht in Berlin bisher nicht gelungen scheint? Die Behauptung, ausschließlich dem Religionsunterricht könne eine Erziehung zur Toleranz gelingen, ist bisher noch durch keine Studie bestätigt worden. Aus der Freiheit, den Religionsunterricht zusätzlich wählen zu können wird der Zwang, sich für Ethik ODER Religion entscheiden zu müssen. Ein Unterrichtsfach, dessen Ergebnis zukünftig in die Gesamtnote einfließen soll und damit versetzungsrelevant wäre.

Nur am Rande

Das Land Berlin finanziert bis zu 90 Prozent der für den Religionsunterricht anfallenden Personalkosten. Die finanziellen Zuschüsse des Landes Berlin für das Jahr 2008 betrugen etwa 50 Millionen Euro. Die Höhe des Betrages ist abhängig von der Anzahl der teilnehmenden Schüler.

Die Zusätzliche Einführung des Religionsunterrichts als Pflichtfach könnte möglicherweise zusätzliche Kosten für den Berliner Haushalt in Höhe von 50 Millionen Euro bewirken.

Volksbegehren am 21. Januar 2009

Am 21. Januar 2009, dem Stichtag des Volksbegehrens, erreichte die Initiative ProReli mit 265.823 gültigen Stimmen mehr als die notwendige Anzahl von 170.000 Stimmen für den Weg zu einem Volksentscheid.

Auch bei christlichen Vertretern – „Laien“ wie auch Geistlichen – geriet der propagandistische Aufwand von ProReli und ihren Befürwortern immer stärker in die Kritik. Eine Initiative namens „Christen pro Ethik“ distanzierte sich deutlich von der Position der Landeskirchen. „Gemeinsame Werte, Respekt und Toleranz sind für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer multikulturellen und multireligiösen Stadt wie Berlin unverzichtbar“, so deren Vertreter.

Unterstützer von Pro Ethik

Als organisierte „Gegenbewegung“ für den Wahlkampf entstand das Bündnis „Pro Ethik“, dem u. a. folgende Gruppierungen angehören:

 

  • Alevitische Gemeinde zu Berlin
  • Bündnis 90/Die Grünen, Landesverband Berlin
  • Deutsche Buddhistische Union (DBU)
  • DIE LINKE. Landesverband Berlin
  • Fachverband Ethik, Bundesverband und Landesverband Berlin
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Landesverband Berlin
  • Grüne Jugend Berlin
  • Humanistische Union Berlin-Brandenburg
  • Humanistischer Verband Deutschlands, Landesverband Berlin
  • Initiative Christen pro Ethik
  • Junge HumanistInnen
  • Jusos Berlin
  • Kurdistan Kultur- und Hilfsverein
  • Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD)
  • Linksjugend Berlin
  • NaturFreunde Berlin
  • Niederländische Ökumenische Gemeinde Berlin
  • SPD Landesverband Berlin
  • Türkischer Bund Berlin-Brandenburg (TBB)
  • Türkischer Elternverein Berlin-Brandenburg

Volksentscheid am 26. April 2009

Am 26. April 2009 schreiten die Berliner nun zum Volksentscheid. Nicht gleichzeitig mit der Europawahl am 7.Juni 2009 (Wahlbeteiligung 2004: 38,6 Prozent), wie es nicht nur von den ProReli Befürwortern gefordert wurde. Die Entscheidung des Senats ist zwar rechtens, führt aber zu rund 1,4 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten. Geld, welches anderswo dringend benötigt wird. Die Wahlbeteiligung wäre bei der Zusammenlegung möglicherweise höher gewesen. Man muss nicht besonders böswillig sein, um hier politisches Kalkül zu unterstellen.

Die Vertreter von Pro Ethik scheinen in der Wahl ihrer plakativen Sprüche nicht überlegter zu handeln, als ihre „Gegner“. Ihre Formulierung „Nein zum Wahlzwang“ kann im freundlichsten Fall nur als unglücklich bezeichnet werden können. Nun ist klar, was eigentlich damit gemeint ist. Im laufenden Wahlkampf liefern sie ProReli damit aber Argumente, die erst einmal entkräftet werden müssen.

In einer Demokratie die Wahl als ein Instrument des Zwangs zu bezeichnen ist schlicht gesagt Unsinn. Das Recht wählen zu dürfen ist ein kostbares Gut. Das, was ProReli fordert ist ein Zwang, sich zu entscheiden. Ein entweder … oder – das Eine, oder das Andere.

610.000, also 24,9 Prozent der 2 453 418 Wahlberechtigten, müssten für das Anliegen von ProReli stimmen, um eine Änderung des Schulgesetzes herbeizuführen, nach der Religionsunterricht – erteilt von den Glaubensgemeinschaften – als Bekenntnisunterricht ab der ersten Klasse unter staatlicher Kontrolle eingeführt würde.

Wer "glaubt" in Berlin

Von 3,4 Millionen Einwohnern Berlins sind etwa 59 % konfessionslos. 29,2 Prozent gehören entweder der evangelischen oder katholischen Konfession an. Auf ganz Deutschland bezogen sieht es eher umgekehrt aus (34 Prozent konfessionslos und jeweils 30 Prozent katholisch oder evangelisch; 1950 waren noch 96,4 Prozent aller Bundesbürger einer der beider Konfessionen zugeordnet). Interessant ist es, wenn man sich die 29,2 Prozent genauer anschaut. Bei den unter 25-jährigen sind es nur noch 19,8 (bezogen auf die Berliner Gesamtbevölkerung) während es bei den Senioren schon 40,4 Prozent sind. Mehr Kirchenmitglieder sterben bundesweit, als neue – Junge – hinzukommen. Den Kirchen sterben insgesamt ihre Mitglieder weg. Daneben gibt es dann zusätzlich noch die hohe Anzahl regulärer Austritte. 2007 waren dies rund 131.000 aus der evangelischen und 93.667 aus der katholischen Kirche.

Teilnahme am Religionsunterricht in Berlin

Mit Vollendung des 14. Lebensjahrs können Schüler selbst über ihre Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden.

Die Zahl der Teilnehmer am Religionsunterricht ist nach Ergebnisse der Forschungsgruppe Weltanschauungen (fowid ) in Berlin seit Jahren relativ konstant. Das Fach Ethik hat darauf keinen nennenswerten Einfluss.

Insgesamt verliert der evangelische Unterricht 2008/2009 etwa 0,7 Prozentpunkte, während der katholische um 0,1 zulegen kann. Die Humanistische Lebenskunde gewinnt einen Prozentpunkt. Schaut man aber über rund 10 Jahre zurück, dann hat die Teilnahme am konfessionellen Unterricht insgesamt um 1,9 Prozent für den evangelischen und 1,5 für den katholischen Religionsunterricht zugenommen. Die Behauptung von ProReli, das Pflichtfach Ethik ginge zu lasten des Religionsunterrichts ist also falsch.

Unter folgenden LINKS zur Forschungsgruppe Weltanschauungen gibt es anschaulich aufbereitete Zahlen als PDF-Dokument zu:

 

Das Amt für Statistik in Berlin und Brandenburg hat die Verteilung der Berliner, geordnet nach Altersgruppen, auf die beiden großen Christlichen Konfessionen untersucht. Das Dokument mit einer grafisch aufbereiteten Statistik gibt es nachfolgend als PDF:

Volljährige deutsche Einwohner in Berlin am 31.12.2008 nach dem Kirchensteuermerkmal

Im Ostteil der Stadt sind deutlich unter 10 Prozent der Bevölkerung einer der beiden christlichen Konfessionen zugehörig. Der Westteil gibt es Bezirke wie Frohnau, Wannsee und Zehlendorf mit über 50 Prozent.

Dreiviertel der Unterstützer Unterstützer von ProReli wohnen in den Westteil der Stadt. Im Regelfall scheinen es auch die Wähler von CDU und FDP zu sein, die dem Volksbegehren ihre Stimme gaben.

Unterstützer von ProReli

ProReli Unterstützer (Volksbegehren 2008) nach den Bezirken: Vergleich mit CDU/FDP-Wähler (bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2008)

ProReli Unterstützer (Volksbegehren 2008) nach den Bezirken: Vergleich mit CDU/FDP-Wähler (bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2008)
Bezirk Stimmen f. ProReli Stimmen f. ProRel in % CDU/FDP-Wähler (Abgeordnetenhauswahl 2008)
Steglitz-Zehlendorf 45.554 17,1 16,1
Tempelhof-Schöneberg 38.186 14,4 12,9
Charlottenburg-Wilmersdorf 43.717 13,1 12,6
Reinickendorf 32.351 12,2 12,0
Spandau 24.093 9,1 9,1
Neukölln 23.728 8,9 9,5
Pankow 16.830 6,3 6,3
Mitte 16.199 6,1 6,1
Treptow-Köpenick 11.127 4,2 4,8
Friedrichshain-Kreuzberg 9.232 3,5 2,9
Lichtenberg 7.009 2,6 2,4
Marzahn-Hellersdorf 6.797 2,6 4,3

Ein weiterer Unterschied ist zwischen den aus den alten Bundesländer hinzu gezogenen und den „alten“ Berliner zu erkennen. Erstere wünschen sich verstärkt eine Änderung der seit 60 Jahren funktionierenden Wahlfreiheit des Religionsunterrichts.

Der Tagesspiegel hat eine anschauliche Grafik aus den statistischen Daten zur Verteilung der kirchensteuerpflichtigen Einwohne, sowie die Teilnehmenden Schüler am freiwilligen Religionsunterricht  in den Berliner Bezirken veröffentlicht.

ProReli und die Muslime in Berlin

„Natürlich setzen wir uns auch für die Muslime ein“, sagt der ProReli Vorsitzende Christoph Lehmann. „Sie sollen endlich einen regulären Religionsunterricht haben, ganz wie Katholiken, Evangelische und Juden.“

Er vergisst, oder „unterschlägt“ dabei, dass es die Muslime in Deutschland nicht gibt.

ProReli erhoffte sich mit der Einbeziehung der Muslime eine bessere Kontrolle besonders der Islamischen Förderation.

Ein juristisches Gutachten stellte schon im Dezember 2008 klar, dass ein Religionsunterricht in Verantwortung des Staates nicht zu einer Erhöhung der Kontroll- und Einflussmöglichkeiten führen würde, wie es ProReli behauptet. Diese wollten nämlich so z.B. den möglichen Einfluss der Islamischen Föderation einschränken können.

Dies, oder ein Religionsunterricht in Verantwortung der Glaubensgemeinschaften, welche jetzt in Berlin für die Inhalte verantwortlich sind, mache hier keinen wirklichen Unterschied aus.

Einzig Ditib, welche mit Unterstützung des türkischen Religionsministeriums in Berlin 13 von 76 Moscheen betreibt, arbeitet ein wenig mit ProReli zusammen. Sie stehen aber nicht für alle Muslime in Berlin, die insgesamt gerade einmal 0,6 Prozent der religiösen Gruppen ausmachen. Weder für die liberale Alevitische Gemeinschaft, der „Türkischen Gemeinde“, dem „Türkischen Bund“, die Ahmadiyya-Gemeinschaft noch für andere, eher konservative Gruppen, wie der umstrittenen Islamischen Föderation oder der orthdoxen türkische Gemeinschaft „Milli Görüs“.

Und nun?

Die Entwicklung in Berlin wird von vielen als Signal auch für die anderen Bundesländer verstanden. Das mag demografisch, wie auch in der Tendenz zu immer weniger Teilhabe an den Konfessionen so sein.

In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stieg die Anzahl der Abmeldungen vom Religionsunterricht in den alten Bundesländern dramatisch an. Bis zu 30 Prozent der Schüler meldeten sich ab. In der Folge wurde das obligatorische Fach "Ethikunterricht" eingeführt. Die Abmeldezahlen sanken.

Die Nerven im Wahlkampf scheinen immer angespannter zu sein. Jetzt wird die Durchführung des Ethik-Unterrichts von ProReli-Befürwortern schon mit Zuständen in der ehemaligen DDR verglichen.

Pro Reli sagt: „Wir sprechen nicht nur religiöse Menschen an, sondern alle, die sich für Toleranz gegenüber allen Religionen einsetzen“. Gilt dann der Umkehrschluss, dass alle anderen, die am bisherigen System festhalten möchten intolerant sind?

Konfessionslosen oder den Befürwortern von Ethik als Schulfach aber zu unterstellen, sie würden über die schlechtere Wertebasis verfügen,oder wären nicht in der Lage, Werte zu vermitteln, zeugt ganz sicher von Intoleranz.

 

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