In der Kreuzberger Friedrichstraße 218 wurde einst Unterhaltungsgeschichte geschrieben.

Plakat Saharet im Berliner Wintergarten, ca. 1900 (Quelle: Wikipedia)

Plakat Saharet im Berliner Wintergarten, ca. 1900 (Quelle: Wikipedia)

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder“, sprach der Teufel und setzte sich in den Bienenschwarm – allerdings nur einmal. Was lernt uns das? Wenn du schon Musik im Programm hast, dann muss es solche sein, wonach den Leuten noch wochenlang die Ohren jucken und nicht das Fell. Im Jahr 1892 übernahmen die Unterhaltungsgastronomen Franz Dorn und Julius Baron das „Concordia-Palast-Theater“ in der Friedrichstraße 218, benannten es in „Apollo-Theater“ um und machten eine durchaus ernstzunehmende Ballett- und Ausstattungsbühne mit 1.400 Plätzen daraus.

Sie hatten als Pächter bereits das große „Wintergarten-Varieté“ in eine Goldgrube des schallenden Gelächters verwandelt und wollten hier nun etwas Seriöses auf die Bretter stellen, die die Welt bedeuten. Leider fuhren sie mit der holden Kunst ihres klassischen Hupfdohlenkommandos jeden Abend so rote Zahlen ein, dass ihrem Buchhalter die Augen tränten. Nach einer Saison voller Flops hatten sie genug davon, schlechtem Geld noch gutes hinterher zu werfen und einen Rettungsschirm nach dem anderen aufzuspannen. Als Jacques Glück, ihr Direktionssekretär, Verwaltungs-Faktotum und Mann für alle Fälle im Apollo-Theater, Interesse zeigte, sich selbstständig zu machen – davon träumen ja alle Männer im tiefsten Grunde ihres Herzens -, also, in diesem lachenden Augenblick warfen sie ihm sofort begeistert sämtliche Brocken des Hauses vor die schwarzen Lackschuhe und konzentrierten sich fortan erst mal nur noch auf ihre bewährte Erfolgsnummer „Wintergarten“.

Der neue Chef zog zwei Asse aus dem Ärmel: die Umwidmung des Ladens in ein Varieté und die Festanstellung eines 26-jährigen Kapellmeisters mit Namen Paul Lincke. Von nun an ging’s bergauf. 1896 wurde Glück auf einen gewissen Salonhumoristen Otto Reutter in Köln aufmerksam, dessen Publikum sich vor Lachen nicht mehr einkriegte. Hoch das Bein, so hoch es geht!

Otto Reutter - hier mit der Tänzerin Saharet - machten erst seine Auftritte im Apollo- Theater in Berlin so richtig bekannt. © Archiv WiTZEL.

Otto Reutter – hier mit der Tänzerin Saharet – machten erst seine Auftritte im Apollo- Theater in Berlin so richtig bekannt. © Archiv WiTZEL.

Diesen komischen Kerl mit den kindlichen Kulleraugen lockte er mit reichlich Bargeld nach Berlin und hat es nicht bereut. Reutter entwickelte sich zum zweitgrößten Knüller des Hauses – nach dem Dresseur Ernst Perzina und dessen Schimpansin. Rückblickend schrieb Reutter: „Ich hatte früher einmal den Größenwahn, bis ich an ein Varieté kam, in dem ein dressierter Affe besser gefiel als ich.“ 1899 wurde Reutter vom „Wintergarten“ abgeworben und dort der bestbezahlte Varietékünstler seiner Zeit. The show must go on: 1899 erlebte hier im Apollo-Theater „Frau Luna“ ihre Uraufführung und wuchs heran zum großen Kassenschlager mit über 400 Wiederholungen vor voller Hütte.

Vom Apollo-Theater in der Friedrichsstraße 218 verabschiedete sich Paul Lincke mit der Burleske „Berliner Luft“. Die wurde nämlich zunehmend dünner. Die Mieten in der Innenstadt stiegen an und führten zur Entvölkerung. Brandschutzauflagen machten dem Theaterchef das Leben zunehmend schwer. Weil sich die bewegten Bilder aus Jahrmarktsbelustigungen unterm Zeltdach in Kintöppe mit festen Wohnsitzen verwandelten, pachtete 1913 die Cines-Gesellschaft das Theater und ließ es zum Kino umbauen.

Berlin, Friedrichstraße, Ecke Dorotheenstraße (links) - Centralhotel; Postkarte um 1900

Berlin, Friedrichstraße, Ecke Dorotheenstraße (links) – Centralhotel; Postkarte um 1900 (Quelle: Wikipedia)

1926 hatte hier „Panzerkreuzer Potemkin“ seine deutsche Erstaufführung, allerdings in einer von der Zensur erbärmlich verstümmelten Version. Sogar die berühmte Szene mit dem Kinderwagen auf der Odessaer Treppe war futsch. Schließlich wurde der Film ganz und gar verboten. Kein Wunder vielleicht in jener Zeit. Die russische Revolution lag erst wenige Jahre zurück und das Establishment fürchtete allzu sehr Aufregung des Publikums durch die „bolschewistische Propaganda“ dieses Stummfilm-Klassikers.

1930 wurde der Kinobetrieb eingestellt und das Theater umgebaut zu Ateliers für diverse Filmfirmen, die später der nationalsozialistischen „Konzentration der Filmwirtschaft“ zum Opfer fielen und schlussendlich ― wie sinnig! ― einer Geldschrankfabrik weichen mussten. Diese wurde dann wiederum durch einen Luftangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute befindet sich hier ein Neubau nebst Gedenktafel zwischen den üblichen sexy roten „Zu vermieten“-Schildern. Doch warum sollen ein Jacques Glück und sein Glück nicht zurückkommen? Es gibt Genie-Gene genug für jede Generation.

Hebert Friedrich Witzel

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