Winnenden – Medienspektakel und Expertenschwemme

Ein vorher stets unauffälliger 17-jähriger junger Mann hat etwas furchtbares in Winnenden getan. Offensichtlich ist er kühl, ja eiskalt und berechnend vorgegangen. Äußerlich war keine Wut zu bemerken. Nur die Handlung selbst war verheerend. Bewaffnet mit einer Handfeuerwaffe, in schwarzer Kleidung, mit silberner Maske und 200 Schuss Munition zog er gezielt mordend erst durch ein Schulgebäude und dann durch die Kleinstadt. 15 Menschen, zumeist Frauen und Mädchen sind tot.

Amok kommt aus dem malaiischen und bedeutet, in blinder Wut angreifen und töten. Die Weltgesundheitsorganisation versteht darunter eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich zerstörerischen Verhaltens. Allgemein steht dieser Begriff für jegliche Art blindwütiger Aggression mit oder ohne Todesopfer.

Noch während die Tat selbst ihren Gang nahm, suchten die Nachrichten darüber im Kurznachrichtendienst Twitter ihren Weg. Waren es erst nur wenige, explodierten sie bald darauf fast lawinenartig um dann fast im Sekundentakt durchs Twitter-Universum zu rasen. Twitter machte seinem Namen alle Ehre. „Zwitzschern“ und „Schnattern“. Kurz-Nachrichten mit einer Länge von maximal 140 Zeichen. Ein Dienst, schneller und direkter als SMS, für tendentiell inhaltsarme spontane Kurznachrichten. Erlebtes, Befürchtetes und Missverstandenes – bewusste und unbewusste Falschmeldungen – machten die Runde. Schnell klinkten sich die Medien ein, in der Absicht, so journalistisches Kapital daraus zu schlagen. Manch Journalist warb eher für sich, als dass er seiner eigentlichen Pflicht nach kam. Eine schnelle Berichterstattung stand offensichtlich im Vordergrund. Recherche und sachliche Nachrichten waren scheinbar nebensächlich. Über die „Sensation“ musste schnell berichtet werden – gegen die Konkurrenz der Kollegenschar.
Medien, Ermittler, Politiker und „Fachleute“ konnten mit dieser Situation augenscheinlich nicht vernünftig umgehen. In den Stunden und Tagen nach dem schrecklichen Geschehen überschlugen sich alle mit Meldungen und Kommentaren, in der Hoffnung, so die „befreiende“  Erklärung oder das Motiv für das Unfassbare zu finden. Eine Talkrunde folgte der nächsten. Dazu kam noch eine beängstigende Reality-Doku zum Amoklauf in der Columbine High School in Columbine vor fast genau 10 Jahren.
So hatte der Mörder seine Tat angeblich vorher im Internet angekündigt. Diese Nachricht verkündete Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech. Ernüchternd musste aber eingestanden werden, dass weder, wie verkündet, Nachweise darüber auf dem Computer des Täters gefunden wurden, noch im genannten Chat-Room. Letztere Nachricht war wohl eine schlechte leicht zu erkennende Fälschung gewesen.
Fehler in der Ermittlung, zu schnelles veröffentlichen ungeprüfter Nachrichten und dann noch die Unfähigkeit, gefundenes Material auf seine Richtigkeit zu prüfen kamen hier zusammen. Schnell fanden sich dann auch Trittbrettfahrer, die mehr oder weniger versteckte Amok-Ankündigungen in die Welt setzten. Überall in Deutschland kam es deswegen zu Festnahmen, weil es Menschen gab, die von den Momenten der Angst profitieren wollten. Bisher war es „nur“ jugendlicher Übermut und keine ernste Absicht zu erkennen, obwohl mit einer solchen, gerade wegen des Medienhypes gerechnet werden muss. So, wie es ausschaut genossen die Täter ihr Gefühl von Macht und waren sich der Aufmerksamkeit durch die Medien durchaus bewusst.
Am 3. März durchsuchte die Polizei in Spandau eine Wohnung. Ein 14jähriger, dessen Eltern ein Waffengeschäft führen, hatte in einen Chat-Room einen Amoklauf angekündigt. Aufmerksam wurde die Polizei, weil ein besorgter Mitschüler diese Nachricht durchaus ernst nahm und sie (vernünftigerweise) meldete. Glücklicherweise stellte sich die Ankündigung als schlechter Scherz heraus. Es hätte aber auch auch anders kommen können.
Ebenso schnell wie Falschmeldungen im Fall Winnenden die Runde machten, ereiferten sich schnell Politiker und selbst ernannte Experten um ihren Standpunkt in die Öffentlichkeit zu bringen.
So wurde schnell auf die Depressionen des Mörders hingewiesen, auf seine Verweigerung einer therapeutischen Behandlung. In dieses „Ursachenpaket“ gehörte selbstverständlich – wie üblich – die Erkenntnis, der Junge hat sich intensivst mit so genannten Killerspielen beschäftigt.
Ein Drittel der deutschen Bevölkerung leidet an psychischen Störungen unterschiedlichster Form bis zur Depression. Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt Killerspiele. Viele haben Probleme in oder mit der Schule.
Sollte also tatsächlich ein solch einfacher kausaler Zusammenhang existieren, dann müssten wir dutzende Amokläufe jeden Tag zu verzeichnen haben. Die vorschnellen Forderungen nach Verboten oder schärferen Gesetzen dienen in erster Linie der Beruhigung und nähren die Hoffnung, alles irgendwie kontrollieren zu können – ja zu müssen.
Auffällig ist eines, auch wenn man naturgemäß höchst vorsichtig bei einer Bewertung und Analyse solcher Vorfälle sein muss. Schließlich sind es – glücklicherweise – höchst seltene Ausnahmen. Amokläufer waren bisher fast immer junge Männer, die zumeist der Mittelschicht entstammten. Sie kamen eher aus scheinbar behüteten Elternhäusern, stammten also nicht aus problematischen Verhältnissen.
Bis 2006 wurden etwa 100 solcher Amokläufe (davon nur vier von Mädchen) in Schulen weltweit verzeichnet. Drei Viertel davon in den USA. Die Täter waren durchschnittlich 16 Jahre alt.
Der Mörder aus Winnenden war ein Waffennarr. Ein Hobby, welches er mit großer Leidenschaft pflegte. Sein Vater förderte dies, war schließlich selbst ein begeisterter Sportschütze. Dem Vater kann bisher nur ein unglaublicher Leichtsinn vorgeworfen werden. Die Mord-Waffe lag offen im Schlafzimmer. Ein Umstand der bisher nur eine Ordnungswidrigkeit ist. Den Zugang zur Munition konnte sich der Täter anscheinend problemlos verschaffen.
Wir haben in Deutschland eines der schärfsten Waffengesetze der Welt. Sieben Millionen Menschen verfügen legal über die unterschiedlichsten Waffen. Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Waffen wird auf ein Vielfaches geschätzt. Wer will, kommt trotz Waffengesetz schnell und billig an großkalibrige Waffen.
Bei den Waffen ist es wie mit den Computerspielen. Nicht der Besitz, oder die intensive Beschäftigung damit macht den Täter! Dazu gehören ganz andere Faktoren. Trotzdem ist es möglicherweise zu einfach, hier in Deutschland legal an eine Waffe zu kommen. Allein in Berlin sind 19000 Menschen legal im Besitz von 57000 genehmigungspflichtigen Waffen. Nur ein Drittel von ihnen sind Sportschützen.
Wie kommt es, dass Amokläufe in Deutschland oder den Vereinigten Staaten stattfinden und nicht in Italien, Spanien oder der Türkei? Dort sind die Menschen doch viel emotionaler und impulsiver.
Warum sind gerade Schulen davon betroffen. Gerade hier soll doch die Vorbereitung auf das zukünftige Leben stattfinden. Das soziale Miteinander wird hier geformt. Führen stetig ansteigender Leistungsdruck und die merkbare Ausgrenzung mancher Menschen zu einem Frustrationspotential, welches sich wie ein Vulkan entlädt?
Das Muster im Ablauf von Amokläufen scheint sich zu ähneln. Eine überdeutliche Demonstration von Macht und Stärke durch die Täter findet statt. Bei ihnen scheint eher ein mangelndes Selbstwertgefühl vorzuherrschen und die Unfähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Kleidung und Auftreten ähneln immer stärker. Vorherige Taten scheinen eine Art Vorbildfunktion zu haben, um für die Außenwelt eine spektakuläre Demonstration der eigenen Stärke zu bieten. Sie wollen sich für „erlittenes Leid und Erniedrigung“ an denen rächen, die sie dafür verantwortlich machen. Entweder haben sie Ausgrenzung, Mobbing, Schikanen und Beleidigungen erlebt, oder unterstellen sie zumindestens. Jeder kann sich sicher sein, ein überwältigendes Medienecho zu provozieren. Eine Chance, auch für die Trittbrettfahrer, denen es bisher eher darum geht, aufzufallen. Auch ihnen ist bewusst, dass sie damit Angst und Schrecken verbreiten können.
Mädchen lernen sehr früh, Gefühle, sei es nun Frust oder Glück,  auszuleben und zu artikulieren. Bei Jungen ist dies eher nicht der Fall. Eine aktuelle Studie will sogar eine Benachteiligung von Jungen in ihrer Entwicklung an Schulen festgestellt haben.
Nach den Amokläufen werden rückwirkend viele Signale bei den Täter erkannt, die vorher nur richtig interpretiert hätten werden müssen. Nachher ist man immer schlauer. Sind die Zeichen deutlich erkennbar, dann ist ein jeder in seiner Verantwortung gefragt zu intervenieren. Sei es, weil Andeutungen und Drohungen verbreitet wurden, oder besonders auffällige Verhaltensmuster auftreten. Signale müssen ernst genommen werden, selbst auf die Gefahr hin falsch zu liegen. Ein Gespräch mit Freunden, Eltern, Lehrer, Psychologen oder gar der Polizei ist dann zu suchen.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der soziale Ab- und Ausgrenzung normal zu sein scheint, in der der Einsatz „des Ellenbogens“ ein Zeichen von Stärke ist.
Schnell wurde Forderungen aufgestellt, die schärfere Gesetze  verlangten. Schulen sollte zukünftig in Hochsicherheitstrakte verwandelt werden, mit elektronischen Schleusen zur Erkennung von Waffen. Als ob ein potentieller Täter, der seine Tat sorgfältig plant dann nicht andere Wege finden würde, Waffen in die Schule zu bekommen. Was hilft in diesen Fällen ein Wachschutz vor der Tür, wenn dieser zu den ersten Opfern gehört.
Eine bittere Erkenntnis bleibt. Keine Forderung nach schärferen Gesetzen einer besserer Versorgung der Schulen mit Psychologen oder Sozialarbeiter wird solche Fälle verhindern können – wenn die Täter sich nicht vorher deutlich in Chat-Rooms oder durch ihr Verhalten bemerkbar machen. Die Täter sind in der Regel eher Außenseiter, ohne feste soziale Bindungen. Nach außen hin erscheinen sie „nett“ und „ruhig“ – planen ihre Tat mit Bedacht. Kein Schulpsyhologe würde auf sie aufmerksam werden, denn die haben genug mit den lautstarken Problemfällen zu tun – und, es gibt keine Patentlösung.

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