Kinder sind unzumutbarer Lärm

Kinder raus aus unsere Stadt!

Da soll einer noch die Welt verstehen. Gut, Lärm gehört zu den großen Stress-Auslösern überhaupt. Selbst wenn er nicht bewusst wahrgenommen wird, lassen sich mit entsprechenden medizinischen Untersuchungen unmittelbare und mittelbare Auswirkungen auf Körper und Psyche feststellen.

Andererseits gibt es Menschen, die offenbar gern im Lärm leben, sich dort wirklich und wahrhaftig wohlfühlen. Einige der Befürworter des Flughafen Tempelhofs hatten ihren Kleingarten direkt in der Nähe des Flugfeldes. Lärm durch Starts und Landungen wurde eher als Bereicherung denn als Lebensqualitäts-Minderung empfunden.

In Friedenau gibt es aber einen Menschen, der seine Ruhe haben will. In der Odenwaldstraße, etwas abseits der lauten Bundesallee, in einer eigentlich beschaulichen Wohngegegend gibt es – noch – eine Kita. Milchzahn nennt sie sich. 34 Kinder und sechs Erzieherinnen in einer Miet-Ladenwohnung, die zur Kita umfunktioniert wurde. Davon gibt es nicht wenige in der Stadt.

Dazu passt möglicherweise auch das Ergebnis der aktuellen Berlin-Studie der Hertie-Stiftung:

Berlin Süd (u. a. Schöneberg, Tempelhof, Friedenau, Steglitz, südlicher Bezirk Neukölln) ist die bevölkerungsreichste und dem Durchschnittsalter nach die älteste der Lebenswelten. Kleinbürgerlich geprägt, zeigen sich hier bei den Befragungen die wenigsten Auffälligkeiten – hier lebt gleichsam der behagliche Berliner Durchschnitt.

Ein Nachbar fühlte sich durch den naturgemäß entstehenden Lärm gestört – und klagte. Erst stimmte das Amtsgericht dieser Vorstellung zu, dann auch das Landgericht Berlin. Angeblich wäre eine Kita eine Fehlnutzung einer Ladenwohnung, so die Entscheidung des Gerichts.

Nun trifft das Gericht natürlich keine Entscheidung aus dem hohlen Bauch. Eine andere Begründung ist formal durchaus richtig. Schaut man sich die Lärmschutzverordnung an, dann muss der geneigte Leser überrascht feststellen, dass Kinderlärm dem Gewerbelärm gleichgestellt und sogar als schädigender als das Kreischen einer Kreissäge bewertet wird.

Demnach wäre also der Betrieb einer Tischlerei in dieser Ladenwohnung nichts entgegen zu setzen gewesen. Das muss doch sehr sehr nachdenklich machen. Kinder werden zu einer schlimmeren Lärmquelle tituliert, als es sonstiger Verkehrs und Arbeitslärm ist.

Peinlich berührt melden sich jetzt Politiker zu Wort, die sich eine schnelle Änderung des Lärmschutzgesetzes erhoffen. Das macht sich in der Presse immer gut. Es ändert aber nichts am Ist-Zustand. Peinlicher ist vielmehr, dass es eine solche Verordnung überhaupt gibt. Sie ist nicht zufällig vom Himmel gefallen, sondern durchaus eine bewusste Entscheidung denkender und hoffentlich auch fühlender Menschen gewesen.

Verwunderlich ist zusätzlich, dass eine solch unsinnige Verordnung zur Maßgabe von Urteilen genommen wird, wo es doch ein von der UN-Kinderrechtskonvention verbrieftes Recht auf Spiel für Kinder gibt. Möglicherweise ist diese Konvention aber auch das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Oder aber, jeder der will, kann sich bei Bedarf darüber hinwegsetzen, weil bürokratisch-juristischen Spitzfindigkeiten immer wieder über gesundem Menschenverstand siegen.

Darf jetzt von jedem zum Hallali auf alle Laden-Kitas geblasen werden?

Abschließend eine weitere Erkenntnis. So, wie es scheint, sind es in Berlin gerade die bürgerlichen Quartiere, in denen sich verstärkter Unmut gegen Kinder regt. Dort sind es immer wieder Neuzugänge, die sich über etwas aufregen, was den Alteingesessenen anscheinend weniger Probleme bereitet.

Mir drängt sich dabei unwillkürlich ein Vergleich auf. Auch in ländlichen Gebieten gibt es immer wieder viel Aufregung wegen ruhestörenden Lärms. Klageführend sind nicht selten Menschen, die frisch aufs Land gezogen sind. Da stört das Krähen eines Hahns auf dem Misthaufen natürlich sehr, oder ein seit langem bestehender landwirtschaftlicher Betrieb, dessen Gerüche als unangenehm empfunden werden; von wegen frische Landluft. Ländliche Idylle muss eine ruhige sein. Totenstille. Schließlich sind auch schöne Postkartenmotive ohne Ton.

Dazu passt, dass in einigen Berliner Bezirken Schließzeiten für Kinderspielplätze und Bolzplätze eingeführt wurden, weil sich Anwohner bei ihren Bezirksämter beschwert haben.

Tags: , ,

About Salecker