Mit der Naivität seiner Mitmenschen Geld verdienen

Ich glaub mein Schamane pfeift. Wäre der erste April nicht schon ein paar Tage vorbei, dann wäre ich ja beruhig gewesen. So aber stehe ich nur Kopfschüttelnd da…

Mit Hokuspokus gegen einen Schädling… Da Magie heute von den meisten nicht akzeptiert wird, setzen wir halt moderne Begriffe ein. Bioenergie (z.B. Wilhelm Reich – Orgon-Energie, Körperenergie) hört sich da schon einmal grandios an. Schon allein der Klang lässt Engelschöre singen. Das dieser Begriff  ein völlig unwissenschaftlicher ist und  von niemanden bisher nachgewiesen wurde, stört dabei überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Denn der Markt für "Bioenergie" ist groß. Der Begriff spricht ja erst einmal für Energie ohne Nebenwirkungen.

Dazu packen wir dann dann noch den Begriff Quantenphysik, der sich fast mystisch anhört, aber in die Kategorie streng wissenschaftlich passt. Nur die wenigsten können etwas damit anfangen, schließlich bewegen wir uns da in den Bereich der das Verhalten von Materie im atomaren und subatomaren Bereich beschreibt.

Der ultimate Problemlöser ist geboren. Bäume werden nun Homöopathisch, Quantenphysikalisch behandelt, damit ihre Bioenergie wieder ins Lot kommt, ihr Immunsystem wieder gerade gebogen wird…

Einfach toll! Magie in neuen Tüten!

Was ist geschehen. Wir haben seit vielen Jahren ein Problem. Naja, nicht wir persönlich. Die normale weißblühende Kastanie (Rosskastanie) in unseren Breiten hat sich vor vielen Jahren einen eingeschleppten Schädling eingefangen.

Dieser Kleinschmetterling aus der Familie der Miniermotten (Gracillariidae) stammt wahrscheinlich aus Osteuropa. 1984 fand man sie zuerst in Mazedonien, 1994 dann schon in Österreich. Heute gibt es sie überall in Mitteleuropa.

Ein Weibchen legt etwa 20 Eier auf ein Blatt. Die schlüpfenden Larven bohren sich dann einen Gang und bauen diesen Gang später zu einer Mine aus. Für das Blatt bleibt das Knabbern am Zellmaterial nicht ohne Folgen. Was wir als bräunlich welkende Blätter sehen, ist der langsame Tod des Blattes aufgrund mangelnder Ernährung.

Der Stress durch Umweltschäden allein macht es den Bäumen schon schwer genug. Diese kleinen Viecher saugen an der "Lebensenergie" der Bäume.

Der Zyklus Ei – Puppe – Larve – Falter – Ei … geht bis zu viermal im Jahr. Anfangs, noch frisch im Saft stehend kann der Baum dies noch kompensieren. Neue Blätter treiben. Irgendwann kommt der Baum an seine Grenzen. Je weniger Blätter der Baum trägt, um so weniger kann er assimilieren. Nährstoffe fehlen. Weniger Blätter können gebildet werden. Ob ein Baum wirklich daran zugrunde geht, ist noch nicht sicher.

Die Miniermotte, oder genauer Rosskastanienminiermotte ist inzwischen in aller Munde. Immer zum Herbst gibt es Aktionen, um das befallene Laub der Kastanie einzusammeln und so den Vermehrungszyklus zu unterbrechen.

Dieser Falter hat hier keinen natürlichen Feind. Er gedeiht also hervorragend.

Ein wenig Chemie gibt es schon, die hilft. Das Präparat Dimilin (Wirkstoff: Diflubenzuron, ein Benzoylharnstoffderivat; greift in den Chitinstoffwechsel von Insekten und Raupen ein) tötet die Larven ab. Das er aber als Insektizid auch Nutzinsekten tötet, ist solch ein Einsatz sehr zu überdenken. Ein großflächiger Einsatz ist eher abzulehnen.

Manch einer meint, das Präparat würde sich innerhalb kürzester Zeit abbauen und wäre dann unschädlich. Nun hat aber auch der Mensch einen Chitinstoffwechsel, ohne den ein Aufbau von Haut und Haaren nicht funktionieren würde. Babies und Kleinkinder würden besonders betroffen sein, da ihr Stoffwechsel auf höchsten Touren arbeitet..

Der schnelle Abbau funktioniert nur im geeigneten Medium. Im ungünstigen Fall kann es durchaus viele Monate dauern. Seine Abbauprodukte Chlorphenylharnstoff und Difluorbenzoesäure sind höchst stabile Gifte mit zusätzlich kanzeronener Wirkung. Diese sammeln sich im Laufe der Zeit im Organismus an. Besonders in Nervenzellen, dem Rückenmark sowie dem Gehirn.

Diese Form der Problemlösung fällt also aus!

Gut, dass es Menschen gibt, die sich des kniffligen Problems angenommen haben. Auch in den Berliner Bezirken und im Umland sind sie unterwegs. Suchen nach Menschen, denen sie ihr "magisches" Produkt verkaufen wollen. Eine Firma aus Österreich gibt vor die Lösung des Miniermotten-Problems zu haben. Die Firma "Pro Energetic" möchte das aus dem Takt geratene Immunsystem der Pflanzen wieder richten.

Den Grünflächenämtern in Berlin und dem Umland ist das Produkt offensichtlich zu suspekt. Niemand will es haben. In Falkensee scheint sich jetzt ein Freiwilliger für den Freilandversuch gefunden zu haben. Er muss auch nur die Hälfte bezahlen. In der "Testphase" pro Baum 138 Euro. Na, wenn das nichts ist. Ein echtes Schnäppchen.

Ich zitiere hier einfach mal die Aussage des "Bioenergetikers, wie sie in der Märkischen Allgemeinen Zeitung zu lesen war:

„In einem mehrstufigen Herstellungsprozess, der sich an die technische Homöopathie anlehnt, wurde dann im Labor eine quantenphysikalisch aufbereitete Tinktur entwickelt“

Toll! Ich bin begeistert!

Das Präparat wirkt dann folgendermaßen:

„Es enthält zum Einen eine ,Frequenz’, durch die sich die Miniermotten gestört fühlen und den Wirt verlassen beziehungsweise die Larven nicht mehr schlüpfen. Zum Anderen enthält es Informationen, die das Immunsystem der Kastanien gegen Schädlinge stärken.“

 16 Wochen bekommt die Kastanie ihr persönliches Mittel verabreicht.

 

Und wenn sie nicht gestorben ist…

 

 

 

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