Ein unvorstellbarer Ort im vorweihnachtlichen Trubel Berlins

Von Sonntagen, die möglicherweise doch frei sein sollten…

Es ist ein trüber, nicht sehr kalter Wochentag im November. Ich komme vom Bahnhof Friedrichstraße zum Prachtboulevard Unter den Linden. Links und rechts Lichter über Lichter und Menschen über Menschen. Geschäftige Angestellte, Touristen aus vielen Ländern und ganze Schulklassen schieben sich über die Bürgersteige. Ich liebe das an meiner Stadt Berlin. Und trotzdem ist es heute anders. Ich sehne mich nach Ruhe. Aber nicht abgeschottet in meiner Wohnung, sondern draußen, da wo das Leben ist.
Meine Schritte führen mich zum Brandenburger Tor. Diesem Tor, das von Carl Gotthard Langhans gebaut, mit der Quadriga von Johann Gottfried Schadow gekrönt und bei seiner Eröffnung im August 1791 als „Friedenstor“ getauft wurde. Im Laufe seiner Geschichte trat die Friedensbotschaft jedoch in den Hintergrund – vor allem durch die seit 1961 am Tor entlang führende Mauer. So war es Jahrzehnte ein Zeichen der Spaltung Berlins. Mit dem Fall der Mauer 1989 aber wurde es ein Symbol für eine friedliche Zukunft.
Meine ersehnte Ruhe finde ich im Raum der Stille. Er wurde im Jahr 1994 im nördlichen Torhaus des Brandenburger Tores eingerichtet und bietet allen Menschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion und Weltanschauung, Gelegenheit, mitten in der Großstadt für eine Weile still zu werden und sich zu besinnen.
Drinnen erklärt mir die nette Dame am Informationstisch, dass die Idee zu solchen Räumen, in denen man gut nachdenken könne, ursprünglich von dem früheren Uno-Generalsekretär Dag Hammarsköld stammt.
Der Raum selbst ist nicht groß: Einfache Sitzgelegenheiten, weiße Vorhänge, ein bräunlicher Wandteppich, ein in der Mitte strahlendes Licht und am Boden ein Feldstein. Keine Ideologie oder Religion wird in irgendeiner Form beworben.
Ich schalte ab, konzentriere mich auf mein Inneres und denke über verschiedene Dinge nach. Andere Personen stören dabei nicht: Sie gehen ihren Gedanken nach – seien sie traurig oder froh.
Wieder draußen im Trubel angekommen, die „Linden“ entlang, am Weihnachtsmarkt am Opernpalais und Berliner Dom vorbei, bis zum Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus laufend, bin ich in Gedanken immer noch im Raum der Stille. Das zeigt mir, dass ich für einen längeren Moment zur Ruhe gekommen bin.
Am 2. Advent bin ich wieder Unter den Linden. Von besinnlicher Sonntagsstimmung keine Spur. Es sind noch mehr Menschen unterwegs als in der Woche. Hektischer und mit diversen Tüten sowie Paketen beladen.
Ich gehe wieder in den Raum der Stille. Dietrich Bonhoeffer sagte: „Es liegt im Stille sein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche.“
Die Nachrichten am Abend verraten mir, dass der Einzelhandel einen umsatzstarken 2. Advent erlebt hat, das Konsumfest Weihnachten naht, der Sonntag vielerorts ein Shoppingerlebnis war, Christmas-Shopping toll und Shopping für viele ein Event besonderer Art ist.
War das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu den Sonntagsladenöffnungszeiten vielleicht doch weise, weil es nicht ökonomisches Denken, sondern menschenfreundliche und gesamtgesellschaftliche Aspekte als was Wesentlicheres ansah? Hat das Gericht die  sonntägliche Ruhe, das Treffen mit Freunden, das Zusammensein in der Familie als was Wesentlicheres angesehen? Ganz unabhängig von Ideologie und Religion?
Das Gericht hat jedenfalls bestätigt, dass der Sonntag ein besonderer Tag ist, an dem der Mensch zu sich selbst finden und zu Anderen sowie zur Besinnung kommen soll.

Peter Siebke
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