In Deutschlands beleibtestem Getränk wurden östrogene Belastungen festgestellt

Rund 138 Liter Mineralwasser trinkt jeder Mensch in Deutschland pro Jahr. Es gibt kaum eine Situation, in der Mineralwasser nicht konsumiert wird. Als banaler Durstlöscher, oder aber als Getränk beim gediegensten Essen. Dies tun wir alle, ohne auch nur einen Gedanken an mögliche Gefährdungen für unsere Gesundheit zu hegen. Warum auch. Schließlich ist es eines der am besten kontrollierten Lebensmittel. Mit dieser Vorstellung könnte es jetzt endgültig ein Ende haben.

Frankfurter Forscher sind bei Untersuchungen zu ganz anderen Erkenntnissen gekommen. Sie wiesen in Mineralwasser Umwelthormone nach. Diese endokrin wirksame Substanzen kommen durch menschliche Einwirkung in die Umwelt. Deren Auswirkung bedarf noch intensiver Forschung. Fakt scheint aber zu sein, das sie eine hormonelle Wirkung bei Mensch und Tier entfalten, indem sie vor allem das Geschlechtshormon Estrogen (Umgangssprachlich Östrogen) beeinflussen. Ein Umstand, der uns mehr als nachdenklich machen muss.

Das Umweltbundesamt förderte ein Projekt, in dem die Belastung mit sogenannten Endokrinen Disruptoren untersucht werden sollte. Generell ist eine solche Belastung von Lebensmittel kein unbekanntes Problem. Diskutiert wird eine solche Problematik schom beim normalen Trinkwasser, welches eine Belastung über das Abwasser erfährt. Normale Kläranlagen können solch hormonell wirksamen Substanzen nicht vollständig beseitigen. Folglich reichern sie sich an.

Ein bekanntes Beispiel einer Substanz, welche sich in Kunststoffen findet ist Bisphenol A. Mehr mehr als drei Millionen Tonnen der Substanz werden jährlich hergestellt. Es ist Hauptbestandteil bei der Herstellung von Polycarbonat eingesetzt. Ein Vielzahl von Trinkflaschen sind aus diesem Kunststoff hergestellt, auch solche für Babies. Aus den Kunststoffen gelangt Bisphenol A dann ins Lebensmittel.

Kanadas Gesundheitsbehörde hat Bisphenol A als gefährlich klassifiziert und will Polycarbonat-Babyflaschen verbieten. Durch Beschluss der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA ist diese Chemikalie nicht als zulassungspflichtig eingestuft und erscheint nicht in der aktuellen Liste. Das Umweltbundesamt ist allerdings anderer Ansicht.

Das Projekt an der Goethe-Universität legte sein Augenmerk aber nicht auf eine Einzelsubstanz. Erstens ist dies sehr mühselig, entspricht letztendlich auch nicht den realen Bedingungen. So sind es eben keine Einzelsubstanzen, sondern im Regelfall eher bunte Mischungen aus Substanzen, mit denen wir es zu tun haben. Dieser Cocktail entfaltet dann seinen Effekt und en gilt es zu bestimmen. Wichtig in dem Forschungsprojekt war also der Versuch, möglichst die gesamte Hormonaktivität der untersuchten Mineralwässer zu erfassen.

Im Rahmen einer Doktorarbeit von Martin Wagner wurde hierzu mit einem genetisch veränderten Hefestamm gearbeitet. Finden sich im Wasser Umwelthormone, die den weiblichen Sexualhormonen ähneln, dann kann dieseren Auswirkung bei der sich schnell vermehrenden Hefe gut beobachtet werden. Die Ergebnisse dieser Beobachtungen lassen sich dann auf den Menschen übertragen. Eine Einschätzung der Östrogenaktivität der Mineralwässer ist so relativ unkompliziert möglich.

Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd. 12 der 20 untersuchten Mineralwässer zeigen eine erhöhte Hormonaktivität. Für Martin Wagner meinte dazu: „Allerdings mussten wir feststellen, dass Mineralwasser hormonell betrachtet in etwa die Qualität von Kläranlagenabwasser aufweist.“

Im Vergleich von Mineralwässern aus Kunststoffflaschen und Glasflaschen zeigte sich, dass  die östrogene Belastung in Wasser aus Polyethylen-(PET)-Flaschen etwa doppelt so hoch ist, wie in Wasser aus Glasflaschen.

Nun musst unterstellt werden, dass dies nicht nur für Mineralwasserflaschen gilt. Wärme, Fett, Säuren und Laugen begünstigen das Herauslösen von Substanzen aus dem Kunststoff. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass wir alle unsere Lebensmittel unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden müssen. Eine hormonelle Belastung ist also nicht auszuschließen. Das große Problem ist eine wirklich eindeutige Bewertung der Auswirkungen von Umwelthormonen auf den Menschen, gerade weil es sich um komplexe Gemische handelt, deren Einzelssubstanzen möglicherweise keine nennenswerten oder nachweisbaren folgen zeigen. Erst im Zusammenspiel entfalten sie ihre fatale Wirkung.

Das komplexe Zusammenspiel von der Aufnahme der Substanzen im Körper über ihre Verstoffwechslung bis zu den eigentlichen Auswirkungen wird noch Anlass vieler Forschungsprojekte sein.

Der in der Zeitschrift „Environmental Science and Pollution Research“ publizierte Artikel von Martin Wagner Jörg Oehlmann ist unter diesem LINK als englischsprachiges PDF-Dokument zu finden.


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