Comeniusgarten in Neukölln

Ein verstecktes Kleinod in Rixdorf

Wenn der Name Berlin-Neukölln fällt, denkt jeder Berliner und mittlerweile auch Bundesbürger dank permanenter halb wahrer Berichterstattungen in allen Medien sofort an soziale Missstände.

Wer sich aber intensiv mit diesem Bezirk beschäftigt, ihn mit offenen Augen zu Fuß durchstreift und mit Menschen der 308.000 dort lebenden spricht, wird feststellen: Berlin-Neukölln ist ein Stadtteil, der Überraschendes zu bieten hat.

Eine Überraschung ist das Böhmische Dorf – das Herz des alten Neuköllns. Der in ein Dorf umgewandelte Hof Richardsdorf, das spätere Rixdorf, wurde erstmals 1360 urkundlich erwähnt. Im Jahre 1435 wurde das Dorf von der Doppelstadt Berlin-Cölln erworben und kam im Jahre 1543 in den alleinigen Besitz von Cölln. Am Richardplatz ist die Struktur dieses Dorfes noch heute sichtbar: Feldsteinkirche (15.Jh.), Schmiede (1624), Krug (1685) und einige Gehöfte.

Im Jahre 1737 siedelten sich unter der Gunst von Friedrich Wilhelm I. hier 18 Familien böhmischer Glaubensflüchtlinge an, von denen die meisten Mitglieder der Brüderunität waren. Aus Dankbarkeit stifteten Nachfahren der Exulanten im Jahre 1912 ein Denkmal Friedrich Wilhelms I. – als Zeichen für die erfolgreiche Toleranzpolitik Preußens.

Dem Böhmischen Dorf gegenüber liegt ein Garten, der an den böhmischen Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius (1592-1670) erinnert. Comenius kann als der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts angesehen werden. Er gab der Pädagogik eine neue Richtung und forderte eine grundlegende, das Wesentliche umfassende Allgemeinbildung für alle.

Die Funktion des Comeniusgartens besteht darin, einen Raum des Lernens, Bildens, Erholens und Spielens zu sein.

Die Anlage des Gartens ist als Lebensweg gedacht und bindet deshalb die örtlichen Bildungseinrichtungen Kindertagesstätte und Schule, die Seniorentagesstätte, das Böhmische Dorf und den Friedhof („Böhmischer Gottesacker“) mit ein.

Jedes Lebensalter ist zum Lernen bestimmt um Erkenntnisse zu erlangen. Davon ging Comenius aus und teilte das Leben in 8 Lebensalter oder -schulen ein, die sich zu einem Kreis schließen:

  • Schule der vorgeburtlichen Entwicklung
  • frühe Kindheit („Mutterschul“)
  • Knabenalter
  • Reifealter
  • Jungmannesalter
  • Mannesalter
  • Greisenalter
  • Tod

Die Schule der vorgeburtlichen Entwicklung ist die Schwangerschaft und die Geburt. Dieser Anfang des Lebensweges wird durch einen Walnussbaum symbolisiert, denn „dem glücklich geborenen Kind wird ein Walnussbaum gepflanzt“. In der Lehre der „Böhmischen Brüder, deren letzter Bischof Comenius war, spielt die zweigeschlechtliche Entwicklung eine große Rolle. Der Baum wird mitten im Weg gepflanzt, um die getrennten Wege, die Mädchen und Junge im Leben gehen werden, anzudeuten.

Die frühe Kindheit wird durch den am Wege vom Walnussbaum zum Eingang des Gartens gelegenen Spielplatz repräsentiert.

Das Knabenalter steht für die Grundschulzeit. In den Schriften des Comenius wird das pädagogische Konzept für das Knabenalter in 6 Klassen, die sich gärtnerisch umsetzen lassen, eingeteilt:

  • Veilchenbeet
  • Rosenhain
  • Wiesenteppich
  • Irrgarten
  • Arzneigärtlein
  • Seelenparadies (Salomonischer Tempel)

Das Veilchenbeet soll die Kinder zum Lernen anlocken, „die duftigsten Blümlein enthalte das Veilchenbeet, die duftigsten Blümlein des ersten Schulunterrichts“. Im Rosenhain werden den Kindern Sträuße wohlriechender Blumen angeboten, die Erkenntnis wird in Sträuße gebündelt. Der folgende Wiesenteppich stellt neben der Erkenntnis- die Überlebensfrage. Im Irrgarten werden Rätsel aufgegeben. Es soll gelernt werden, dass der Weg zur Erkenntnis mit Arbeit verbunden ist. Danach gelangt der Schüler in das Arzneigärtchen, in dem die Erkenntnis für die Notwendigkeit des Überlebens des Individuums beziehungsweise der Gemeinschaft eingesetzt wird. Den Abschluss des Lernabschnittes des Knabenalters stellt das Seelenparadies in Form eines Salomonischen Tempels dar.

Den Beginn des Reifealters symbolisiert eine Ziegelsteinmauer, die stellvertretend für die Utopie des Sonnenstaates steht, wonach die Kinder des fiktiven Staates Wissenschaft anhand von an der Stadtmauer befindlichen Bildern lernen sollten.

Das Jungmannsalter wird durch den Akademiebereich gebildet – das so genannte Auge Gottes. Auf den Eckpunkten eines Dreieckes werden drei verschiedene naturwissenschaftliche Instrumente angeordnet. Die Bücher Gottes sollten mit der analytischen Methode, symbolisiert durch das Teleskop, der synthetischen Methode, vertreten durch ein Mikroskop und durch die synkritische Methode, verdeutlicht durch einen Spiegel, gelesen werden.

Das Mannesalter ist gekennzeichnet durch Berufserfahrung und wird durch das Böhmische Dorf außerhalb des Comeniusgartens und die Schule des Greisenalters durch die Seniorentagesstätte vertreten. Vor der Seniorentagesstätte befinden sich die Brüderlinde, die zum Schutz des Böhmischen Dorfes gepflanzt wurde und der Comeniusgedenkstein.

Den Tod vertritt der einen Besuch werte Friedhof (Gottesacker), welcher sich gegenüber des Anfangspunktes des Lebensweges, dem Walnussbaum, befindet. Somit wird der Zyklus des Lebens geschlossen.

Wer den Commeniusgarten besuchen möchte, beachte: „Das Tor ist geschlossen. Der Fremde findet keinen Einlass, es sei denn, er frage danach. Bei schönem Wetter ist gewiss jemand da, der den Kniff erklärt: Man drücke den kleinen silbernen Knopf, eine Handbreit neben dem gleichfalls silbernen Knauf, und das Tor öffnet sich“.

Infos zum Comeniusgarten

Comeniusgarten

  • Richardstraße 35
  • 12043 Berlin
  • Telefon: +49 30 686 61 06
  • E-Mail: comenius-garten@t-online.de

Museum im Böhmischen Dorf

  • Kirchgasse 5
  • 12043 Berlin
  • Telefon: +49 30 688 091 21 (Frau Motel)
  • E-Mail: cordelia.polinna@museumimboehmischendorf.de

Öffnungszeiten:

  • Donnerstags, 14 bis 17 Uhr sowie jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 12 bis 14 Uhr
  • Führung böhmische Dorfkirche
  • Veranstalter: Förderkreis Böhmisches Dorf in Berlin-Neukölln e.V.
  • Telefon: +49 30 688 091 21 (Frau Motel)
  • Fahrverbindung: U Karl-Marx-Straße: U7

 

(Für eine Ansicht in Google Street View einfach das orange-gelbe Männchen auf die Markierung ziehen)

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