Zum 85. Geburtstag Vicco von Bülows

Berliner Museum für Film und Fernsehen würdigt Loriot

Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin zeigt seit dem 6. November die Sonderausstellung „Loriot. Die Hommage“. Mit ihr wird das Lebenswerk Vicco von Bülows, alias Loriot gewürdigt, der am 12. November seinen 85. Geburtstag feierte. Die in Anwesenheit Loriots eröffnete Ausstellung ist die größte zu seinem Werk.

Ausstellungsplakat: Loriot - Die Hommage

Seit einem halben Jahrhundert schreibt sich Vicco von Bülow mit seiner Prosa und Lyrik, seinen dramatischen Reden und Werken, seinen Zeichnungen, vor allem mit seinen Fernseh-Sketchen in die Herzen sehr vieler Menschen. Mit scharfem Blick für die tragikomischen Seiten des Lebens und das Chaos, welches hinter jedem Versuch lauert, die Welt zu ordnen, hält er uns den Spiegel vor die Augen.

Dabei standen drei Themen im Fokus seiner Beobachtungen: Die mangelnden kommunikativen Fähigkeiten in unserer Gesellschaft – vor allem die zwischen Frauen und Männern mit dem „An einander vorbei reden“ und „Männer und Frauen passen nicht zusammen“, das Verhältnis von Mensch und Tier sowie die Frage, was unser Leben mit den schönen Künsten, wie Musik, Literatur und Malerei zu tun hat. So wurden von seiner Feder Typen und Situationen skizziert, die im wahren Leben immer wieder zu beobachten sind.

Wer erinnert sich nicht an die Männer im meist fortgeschrittene Alter, wie den unbeholfenen Sekretärinnenverführer Herrn Direktor Melzer, der den Auftrag für 400 „Arosa“ schlitzverstärkt mit kurzem Arm (was immer das ist?) sucht, die Herren Dr. Müller-Lüdenscheid und Klöbner in der Wanne mit ihrer Gummiente oder die Skat spielenden Herren Striebel, Vogel und Moosbach. Nicht zu vergessen Opa Hoppenstedt und Frau Hoppenstedt, die mit ihrem Jodeldiplom damit als Frau auf eigenen Füßen stehen kann.

Die Ausstellung geht über drei Stockwerke hinweg und macht sehr gut anschaulich was das Besondere am Loriot’schen Humors ist. Sie zeigt die außergewöhnliche Perfektion und Präzision, mit der Loriot arbeitet. Angefangen von seinen frühen Zeichnungen Anfang der 1950er Jahre für verschiedene Illustrierten, über die Zeichentrickfiguren im Fernsehen in den 1970er Jahren, die populären Fernsehsketche mit Evelyn Hamann bis hin zu seinen Kinofilmen wie “Ödipussi” und “Pappa ante Portas“.

Zusätzlich, zu diesem schon oft gezeigten Gesamtwerk, kommen bisher noch nicht veröffentlichte Ausstellungsstücke aus Loriots umfangreichen Privatarchiv. Es beinhaltet frühe Zeichnungen aus seiner Privatsammlung sowie die bisher unveröffentlichte Arbeitsreihe “Nachtschattengewächse”. Dabei handelt es sich um Zeichnungen, die auf der Grundlage von Traumnotizen zwischen 2006 und 2008 entstanden sind. Das Museum für Film und Fernsehen kann sich glücklich schätzen von Loriot zu dessen Lebzeit seinen „Vorlaß“ übergeben bekommen zu haben.

Filmhaus am Potsdamer Platz; Foto: Peter Siebke

In der Hamburger Wochenzeitschrift „DIE ZEIT“ stand vor einigen Jahren: „Loriot ist der Größte. Wenn nicht der einzige“. Wer diese Ausstellung gesehen hat kann sich dem nur anschließen.

Die Ausstellung soll im nächsten Jahr auch im Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn sowie in anderen Museen im In- und Ausland gezeigt werden.

Vicco von Bülow, der mit vollem bürgerlichen Namen Bernhard-Victor Christoph-Carl von Bülow heißt, wurde am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geboren. Er entstammt einem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht und ist der Sohn des Polizeimajors Johann-Albrecht von Bülow und dessen erster Ehefrau Charlotte von Roeder, die sich 1928 in Gleiwitz (Schlesien), dem heutigen Gliwice (Polen), scheiden ließen.

Vicco von Bülow wuchs mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder seit 1927 bei der Großmutter und Urgroßmutter in Berlin auf. Im Jahr 1933 zogen die Brüder wieder zu ihrem Vater, der 1932 erneut geheiratet hatte. Die neue Familie zog 1938 nach Stuttgart, wo von Bülow das humanistische Eberhard-Ludwigs-Gymnasium besuchte und 1941 mit einem Notabitur verließ.

Entsprechend der Familientradition begann er eine Offizierslaufbahn. Es folgte im Zweiten Weltkrieg ein dreijähriger Militäreinsatz an der Ostfront in der Sowjetunion.

1946 legte er in Northeim am Gymnasium Corvinianum das vollständige Abitur ab und studierte von 1947 bis 1949 Malerei und Grafik an der Landeskunstschule in Hamburg. Gleich nach dem Abschluss legte von Bülow erste Arbeiten als Werbegrafiker vor und erfand das charakteristische “Knollennasenmännchen”. Ab 1950 war von Bülow als Cartoonist für das Hamburger Magazin “Die Straße” und danach für den „Stern“ und die „Quick“ tätig. Seit dieser Zeit verwendete er den Künstlernamen “Loriot”. Der Künstlername Loriot ist die französische Bezeichnung des Pirols. Es ist das Wappentier der Familie von Bülow.

1951 heiratete Vicco von Bülow die Tochter des Hamburger Kaufmanns Peter Schlumbom, Rose-Marie Schlumbom.

Loriot versuchte bald seine Zeichnungen als Buch herauszubringen, was ihm nach Absage vieler Verlage dann 1954 beim Schweizer Diogenes-Verlag gelang, mit dem er bis heute zusammen arbeitet.

Ab 1967 entdeckte Loriot auch für sich das Fernsehen. Er moderierte zunächst die Fernsehsendung „Cartoon“ für die ARD, brachte bald eigene Zeichentrickfilme ein und erschuf 1971 den Zeichentrick-Hund Wum für die ZDF-Quizshow „Drei mal Neun“. In der Nachfolgesendung „Der große Preis“ kam später der Elefant Wendelin und der Blaue Klaus hinzu. Alle drei waren bis zum Ende der Sendung in den 1990er Jahren als Pausencartoon zu sehen. Alle Sketche wurden von Loriot geschrieben, gezeichnet und gesprochen.

1988 drehte Loriot als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller den Film „Ödipussi“. Es folgte 1991 „Pappa ante Portas“. In beiden Filmen spielte die unvergeßliche Evelyn Hamann die weibliche Hauptrolle.

Eine besondere Liebe verbindet Loriot mit der klassischen Musik. So dirigierte er 1982 das humoristische Festkonzert zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker und als Regisseur inszenierte er die Opern „Martha“ (Stuttgart) und „Der Freischütz“ (Ludwigsburg).

Für sein jahrelanges Schaffen wurde er mit etlichen Fernseh-, Film- und anderen Kulturpreisen ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2003 Honorarprofessor an der Universität der Künste Berlin für das Fach Theaterkünste.

Loriot ist übrigens ein Gegner der so genannten Rechtschreibreform, die er – für ihn typisch – so bewertet: „Die Rechtschreibreform ist ja völlig in Ordnung“ und nach einer kleinen Atempause „…wenn man weder lesen noch schreiben kann“. Zu Recht stellt er die Frage: „’Wieso beschließen Politiker, was mit der Sprache gemacht wird?“. Loriot und der Diogenes-Verlag bleiben bei der deutschen Rechtschreibung des 20. Jahrhunderts.

Im Jahr 2006 gab Loriot bekannt, sich als Fernsehschaffender zurückzuziehen. Seiner Meinung nach sei in diesem Medium wegen der entstandenen Schnelllebigkeit keine humoristische Qualität mehr zu erzielen.

Loriot lebt heute in Münsing am Starnberger See und in Berlin.

Autor: Peter Siebke

Ausstellung „Loriot. Die Hommage“

6. November 2008 bis 29. März 2009

Film- und Fernsehmuseum Berlin

Potsdamer Platz 2

Tel.: 030 / 300 90 30

Di-So 10-18 Uhr

Do 10-20 Uhr

Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro

Demnächst erscheint der Begleitband zur Ausstellung:

„Ach was! Vicco von Bülow zum 85. Geburtstag“

Hatje Cantz Verlag, 29,80 Euro

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